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Abnutzungsdermatose - eine der häufigsten Erkrankungen in der tierärztlichen Praxis

01.09.2015 / Dr. Hans-Friedrich Willimzik

 

Die Fakten

Der tierärztliche Beruf in der Groß- und Kleintierpraxis ist dadurch gekennzeichnet, dass er sehr stark Haut belastend, insbesondere im Bereich der Hände und Arme ist. Sehr häufig hat man es mit "schmutzigen" Patienten zu tun, so dass man bereits während einer Behandlung sich die Hände reinigen muss. Nach jedem Patienten werden vielerorts routinemäßig Händereinigung und Händedesinfektion vorgenommen. Vor einer Operation werden eine chirurgische Händereinigung und Desinfektion durchgeführt die besonders dermatologisch belastend sind. Auch nach dem OP, nach dem Ausziehen der Handschuhe, werden vielfach die Hände noch einmal abgewaschen.

Das Arbeiten im Labor, der Umgang mit Kot oder Urin, führt häufig zu einer anschließenden Händereinigung. Die täglichen privaten, hygienischen Reinigungsvorgänge der Hände sind hierbei noch nicht einmal erwähnt.

Insbesondere in den Wintermonaten hat der Großtierpraktiker durch die Kälte mit einer weiteren besonderen Belastung für die Hände zu kämpfen. Die Arbeiten draussen sind häufig auch mit Nässe kombiniert.

Die Haut der Tierärztin und ihrer Assistentin ist deshalb berufsdermatologisch ganz besonders belastet.

 

Die Ursachen

Hände waschen

Insbesondere der Wechsel und das Zusammenwirken von Wasser, Hautreinigern und Desinfektionsmitteln führen zu einer mehr oder weniger schnellen Abnutzung jeder Hautbarriere. Reinigungsmittel lösen die Hautfette als natürlichen Schutz heraus, Wasser führt zum Aufquellen und Alkohol lässt die Haut spröde und trocken werden. Der Hauttyp, genetische Faktoren und private Belastungen spielen weitere Rollen. Gleichzeitig schädigt die Hautdesinfektion die körpereigene mikrobielle Barrierefunktion. Pathogene Keime können schneller eindringen und zu Infektionen führen und die Haut weiter schwächen.

Das perfide an dieser Veränderung ist, das die ersten Schritte unbemerkt bleiben. Die Betroffene merkt erst einmal sprichwörtlich gar nichts. Wenn die Haut dann spröde und rissig ist, sie "juckt und beißt" ist es meist viel zu spät. Die Abnutzungsdermatose oder auch chronisch-toxische Dermatitis genannt ist eine langsam, unbemerkt entstehender Krankheit, die sich über Monate, ja Jahre entwickeln kann, ohne dass es die Betroffene oder ihr Umfeld bemerkt.

Die Haut hat dann ihre mechanischen, physikalischen, chemischen und mikrobiellen Schutzfunktionen weitgehend verloren.

 

Das Problem erkennen

Wichtig ist es, sich erst einmal des komplexen Problems bewusst zu werden.

Wir leben in einer Zeit, in der Hygiene, Sterilität und Sauberkeit uns alle permanent umgeben. Es soll "nicht nur sauber sondern rein" sein; so wird es uns täglich von der Werbung eingeredet.

Auch in der tierärztlichen Praxis lesen wir täglich die Veröffentlichungen der "Fachleute", die uns nachweisen, dass wir Viren ausrotten und Bakterien beseitigen können. Häufig wird uns nicht der Preis genannt, den wir dafür zahlen müssen.

Das beste Beispiel ist die chirurgische Händedesinfektion, wie sie tagtäglich in Praxen und Kliniken durchgeführt wird. Ihre Denk- und Handlungsweise ist begründet auf der Forschung von Ignaz Philipp Semmelweis, also vor ca. 150 Jahren (näheres kann man unter wikipedia.org/wiki/Hygiene nachlesen). Damals gab es noch keine sterilen Einmalhandschuhe und auch keine sterile OP Kleidung. Damals war es noch üblich, im OP die gleiche Schürze zu tragen wie vorher in der Pathologie und nachher in der Geburtshilfe. Damals gab es noch nicht einmal eine Händereinigung vor der OP.

Bei einem ordnungsgemäßen Gebrauch von OP Schutzhandschuhen ist die chirurgische Händedesinfektion eigentlich überflüssig! Ich höre schon den Aufschrei vieler Chirurgen aber Tatsache ist, dass unsere Handschuhe während einer normalen OP Zeit und ihre Unverletztheit vorausgesetzt, so gut wie keine Gase, keine Flüssigkeiten und zu 100 Prozent Sicherheit keine Bakterien durchtreten lassen.

In unser heutigen Medizin wird eher ein zu viel als ein zu wenig im Bereich Hygiene vorgenommen. Dies gilt sowohl für den Einsatz von Desinfektionsmitteln als auch den der Antibiotika. In beiden Bereichen führen falsche Arbeitsweisen zur Selektion pathogener Keime und zur Erzeugung multiresistente Stämme. Glücklicherweise hat auch hier bereits ein Umdenken (siehe Link oben) eingesetzt, wie der gemeinsamen Presseerklärung von Umweltbundesamt, Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin und Robert-Koch-Institut zu entnehmen ist.

 

Vorbeugende Maßnahmen

Wichtig ist es, sich für die Praxis / Klinik einen Plan zu machen, wie systematisch vorgegangen wird.

Dieser Plan sollte in der Regel weniger aber dafür gründlichere Desinfektionsmaßnahmen vorsehen. Es macht keinen Sinn, den Behandlungstisch zu desinfizieren und eine persönliche Händedesinfektion vorzunehmen zwischen zwei Hunden (Patienten), die sich bereits ausgiebig im Wartezimmer beschnüffelt oder vor der Praxis intensiv miteinander getobt haben.

Dieser Plan sollte für alle, aber insbesondere für hautbelastete Mitarbeiter, vor Aufnahme der Arbeit die Benutzung eines Hautschutzmittels beinhalten. Auf das richtige Auftragen (auch hier ist zu viel eben nicht gut) und die genügende Einwirkzeit ist zu achten.

Dieser Plan sollte aber auch auf richtige Arbeitsweisen aufmerksam machen und bei besonders belastenden Arbeiten das Tragen von Schutzhandschuhen empfehlen.

Persönlich ist es durchaus sinnvoll, im Umfeld der Familie (genetische Verwandte) nach Hauterkrankungen zu forschen. Sind Eltern, Großeltern oder Geschwister von Hauterkrankungen betroffen, sollten solche Personen bei der täglichen Arbeit einen besonders sorgfältigen und vorsorgenden Umgang mit Ihrer Haut an den Tag legen.

Dieser Plan sollte letztendlich auch die Hautpflege nach der Arbeit beinhalten. Bereits betroffene Personen sollten unbedingt vor dem ins Bett gehen eine regelmäßige Hautpflege durchführen, da in den anschließenden Stunden sich die Haut ohne Belastung besonders gut erholen kann.

 

Hautschutz

Der Hautschutzplan sollte mehrere Positionen enthalten:

Jeder Mitarbeiter sollte zur entsprechenden Arbeit die richtigen Handschuhe angeboten bekommen. D.h. im Klartext: ich brauche für das Beseitigen von Kot in den Praxisräumen keine säurefesten Spezialhandschuhe. Vielmehr sollten die Handschuhe immer die richtige Größe und eine gute Passform haben. Handschuhe die nicht gut sitzen werden meistens nicht benutzt! Dann können sie auch nicht schützen.

Aus Sicht des Arbeitsmediziners wird das Thema Latexallergie häufig überbewertet. Hat ein Mitarbeiter allerdings eine nachgewiesene Allergie auf einen Handschuhinhaltsstoff, ist dieser ab sofort strikt zu meiden. Alternative Handschuhe sind diesem Mitarbeiter (und nur diesen) immer zur Verfügung zu stellen.

Ebenfalls eine Lücke im Hautschutz ist das häufig nicht ordnungsgemäß durchgeführte Hände waschen. So banal es klingt: meistens werden aus Zeitgründen die Hände nach dem reinigen nicht gründlich abgespült, so dass Seifenreste auf der Haut verbleiben und die Haut weiter schädigen können.

Auch das ungenügende Abtrocknen der Hände, insbesondere in der kalten Jahreszeit, oder das zu raue Material (Papierhandtücher) führen zu besonderen Verletzungen der Haut. Aus der dermatologischer Sicht ist ebenfalls von Lüftungstrocknern abzuraten, ohne hier auf weitere Einzelheiten einzugehen.

 

Hautpflege

Die Hautpflege dient dazu, die belastete Haut zu regenerieren, ihr Feuchtigkeit und Fette zurückzugeben und einen schützenden Film auf der Haut zu hinterlassen.

Wie bereits für die Hautschutzsalbe gesagt, kann ein zu viel an Pflegecreme ebenfalls für die Haut schädlich sein. Hier ist es besonders wichtig, die richtige Menge aufzutragen, so dass man innerhalb von ein bis zwei Minuten eigentlich die Pflegecreme nicht mehr merkt.

 

Gedanken für den Arbeitgeber

Als Arbeitgeber sollte man sich vor Augen führen, dass nichts ärgerlicher und teurer ist als ein Mitarbeiter der über Wochen, ja manchmal Monate, krankheitsbedingt wegen einer Abnutzungsdermatose ausfällt. Ich habe es einmal erlebt, dass in einer Tierarztpraxis von sieben Mitarbeitern drei über Wochen ausfielen alle mit der Diagnose "Abnutzungsdermatose"und nur weil der Arbeitgeber es ursprünglich nicht einsah, persönlich des sich abzeichnenden Problems anzunehmen.

Vorbeugen ist immer besser als heilen. Krankheiten vermeiden ist für den Mitarbeiter besser, motiviert ihn und spart dem Arbeitgeber Kosten.

Falls Sie Fragen haben zu dem weiteren Umgang mit Betroffenen, rufen Sie Ihren Arbeitsmediziner an. Er sollte Ihnen weiterhelfen! Ansonsten kontaktieren Sie mich unter h.fr.willimzik@propraxis.de. Gerne werde ich Ihnen weiterhelfen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen weiterhin Erfüllung bei Ihrer Arbeit und viel Freude bei einer effektiven Gesundheitsprophylaxe für den Erfolg ihrer Praxis und zum Schutz und Wohlergehen Ihrer selbst und Ihrer Mitarbeiter.

 

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