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Das Kreuz mit dem Kreuz

14.01.2012 / Dr. Hans-Friedrich Willimzik

 

Eine arbeitsmedizinische Betrachtung von Wirbelsäulen­problemen

Ihre Ursachen, ihre Wirkungen und ihre mögliche Prävention im Bereich des tierärztlichen Arbeitsplatzes.

Die Wirbelsäule und die Erkrankungen der Wirbelsäule betreffen zwar nur einen Teil unseres Körpers, der uns aber schwer zu schaffen machen kann. Unterschiedliche Studien aus den USA und aus der Bundesrepublik Deutschland belegen, dass zwischen einem Viertel beziehungsweise einem Drittel aller Krankentage bei der arbeitenden Bevölkerung durch Wirbelsäulenprobleme bedingt sind. Auch die Tierärzte können ein Lied singen von dem "Kreuz mit dem Kreuz". Für viele haben in der Vergangenheit Schäden an der Wirbelsäule zu erheblichen beruflichen Einschränkungen oder sogar zum beruflichen "Aus" geführt. Hier Abhilfe zu schaffen und zum bewussteren Umgang mit dem Kreuz und der eigenen Gesundheit anzuregen, soll Ziel dieses Beitrages sein.

Mit zunehmendem Alter kommt es beim Gesunden zu einer Ansammlung von Schädigungen der Wirbelsäule und dadurch zu einem degenerativen Umbau, der sowohl den knöchernen, den muskulären als auch den Band- und den Gelenk-Apparat betrifft.

Wirbelsäulen gerechtes Arbeiten

Die Ursachen dieser lebensbedingten Abnutzung und Veränderung sind so vielschichtig wie die daraus resultierenden Beschwerdeformen. Hierzu zählen selbstständige Erkrankungen (Bechterew, Osteoporose, Spondylarthritiden), Fehlernährung, Traumata, Fehl- bzw. Überlastungen, mangelndes Training der Wirbelsäule und Übergewicht, um nur einige Faktoren zu nennen.

Dazu kommen noch die Noxen, die sich im Laufe unseres Berufslebens hinzu addieren und somit den degenerativen Umbau der Wirbelsäule beschleunigen. Im Weiteren soll lediglich dieser Aspekt des tierärztlichen Arbeitsplatzes Berücksichtigung finden.

Zu allererst ist festzustellen, das es "den tierärztlichen Arbeitsplatz" nicht gibt. Vielmehr sind die Belastungen des Großtierpraktikers, bzw. des Kleintierpraktikers gegenüber dem im Büro tätigen Tierarzt aus ergonomischer bzw. orthopädischer Sicht unterschiedlich zu bewerten. Alle drei können erhebliche Belastungen und Veränderungen der Wirbelsäule verursachen. Wichtig ist zudem die Unterscheidung in dynamische bzw. statische Auslöser. Hier alle Ursachen aufzuzählen, würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen und so möchte ich stellvertretend einige Beispiele anführen:

  • Ein häufig unterschätzter Auslöser in der Großtierpraxis ist die Geburtshilfe beim Rind. Hierbei handelt es sich um eine komplexe Belastung: die meist in stark verdrehter Körperhaltung durchgeführte vaginale Untersuchung bzw. Entwicklung des Kalbes entspricht einer erheblichen statischen Fehlbelastung der Wirbelkörper, der Bandscheiben und der Wirbelsäulenmuskulatur (für den kleingewachsenen Kollegen ist die Vulva des stehenden Rindes zu hoch, für den groß gewachsenen zu niedrig). Zwischendurch kommt es immer wieder zu einer dynamischen Fehlbelastung wenn das Kalb schrittweise von ihm gezogen wird. Zudem kommt es unter der körperlichen Belastung zu einer mehr oder weniger deutlichen Schweißabsonderung mit Verdunstungskälte vor allem im Rückenbereich, da vor dem Körper über Schutzkleidung einschließlich Gummischürze die Verdunstung behindert wird. Unterschiedlich je nach Jahreszeit entsteht so eine erhebliche Unterkühlung der Rückenmuskulatur mit daraus folgender Muskelverhärtung.
  • Ähnliche Fehlbelastungen können entstehen beim Kaiserschnitt des Rindes, bei der Kastration am stehenden Hengst oder bei Pansenoperationen, um nur einige zu nennen.
  • Ebenfalls in der Großtierpraxis ist die Belastung der Wirbelsäule durch das viele Fahren im PKW zu erwähnen. Zu wenige Tierärzte legen bei der Auswahl ihres Fahrzeugs Wert auf eine gute ergonomische Sitzmöglichkeit. Zudem kommt es in der kalten Jahreszeit durch den häufigen Wechsel von warm nach kalt, von dynamischer nach statischer Belastung und umgekehrt zu einem deutlichen Schaden an der Wirbelsäuleneinheit.
  • In der Kleintierpraxis kommt es zu Schädigungen der Wirbelsäule durch häufige und lange Operationen, die in ergonomisch ungünstiger Position durchgeführt werden. Humanmedizinische Mikrochirurgen, die teilweise sechs bis acht Stunden non stop operieren, arbeiten schon seit Jahren generell nur im Sitzen. Anders wäre diese Belastung auch nicht auszuhalten. Beim Arbeiten im Stehen ist der OP Tisch meist zu niedrig, weshalb es zu einer statischen Fehlbelastung der Wirbelsäule durch vornüber gebeugtes Arbeiten und zur Ausbildung von Myogelosen der Wirbelsäulenmuskulatur kommt (s. Bild).
  • Auch das häufige praeoperative Händewaschen führt in der Kleintierpraxis bzw. Klinik - nicht nur zu einer Hautbelastung (siehe Artikel Deutsches Tierärzteblatt 5/2003 S. 508) sondern auch zu einer statischen Fehlbelastung der Wirbelsäule, wenn die Waschbecken für den jeweiligen Operateur ergonomisch ungünstig angebracht sind. In großen humanen Kliniken sind deshalb in den OP Vorbereitungsräumen mehrere Waschbecken in verschiedener Höhe angebracht, oder Waschbecken eingebaut, die höhenverstellbar sind. Kollegen, die bereits eine vorgeschädigte Wirbelsäule haben, werden bestätigen, dass am Ende der Händewaschung beim Aufrichten des Oberkörpers ein stechender Schmerz durch die LWS zieht und die muskuläre Leistung deutlich, wenn meist auch nur kurzfristig, eingeschränkt ist. Eine solche Schädigung ist in unserem Gedächtnis schnell vergessen, im muskulären Segment kommt es dagegen zu einer Summation bei der am Anfang eine reversible Muskelverspannung, dann ein Muskelhartspann und am Ende ein Verlust von Muskelgewebe mit bindegewebigem Narbenersatz steht.
  • Auch das schwere Heben ist sowohl in der Kleintier- als auch in der Großtierpraxis ein allgegenwärtiges Thema. Es sind weniger die absoluten Gewichte bzw. die Tageshebe-Leistung, die das Problem darstellen. Vielmehr sind es die ungünstigen ergonomischen Positionen, aus denen die Hebeleistung erbracht wird. Auch heute wird meistens aus dem Rücken und nicht aus den Beinen gehoben, mit der Folge der entsprechenden Bandscheibenläsionen.
  • An dieser Stelle sollen auch die vielen Wirbelsäuleschäden erwähnt sein, die durch einen falschen Büroarbeitsplatz, insbesondere einen ergonomisch veralteten Schreibtischstuhl verursacht werden. Hierdurch kann bei vollschichtiger Schreibtischtätigkeit, in Kombination mit einer falschen Sitzposition am Arbeitsplatz, sich im Laufe eines Berufslebens erhebliche degenerativen Veränderungen im Wirbelsäulenbereich mit Myogelosen der Muskulatur, Bandscheibendenerationen und -protrusionen sowie Spondylarthrosen der Wirbelkörper bis hin zum Deckplatteneinbrüchen entwickeln.
 

Die möglichen Wirkungen sind vielen hinlänglich bekannt; hoffentlich nicht vom eigenen Körper, sondern nur aus dem Bekannten- oder Verwandtenkreise. Angefangen von leichten, ziehenden Schmerzen im Bereich der Wirbelsäule, möglicherweise ausstrahlend in ein oder in beide Beine, später dann unerträgliche Schmerzen mit erheblichen Bewegungseinschränkungen, Lähmungserscheinungen bis hin zur partiellen oder totalen Querschnittslähmung können die traurige Folge sein.

In diesen Tagen las ich in der Zeitung einer Industrie und Handelskammer einen Beitrag mit folgendem Titel: "Rückenschmerzen - was tun im Notfall?" Hier wurde berichtet, wie ein Referent "den Besuchern der Veranstaltung einfache Übungen beibrachte, die diesen Schmerzen entgegenwirken. Mit nur wenig Zeitaufwand könne so im Notfall der Zwangsaufenthalt im Bett um mehr als die Hälfte verkürzt werden". Sicherlich war dieser Vortrag gut gemeint, aber aus Sicht der Betroffenen und aus Sicht des Arbeitsmediziners können nicht die Minderung des Notfalls und die Optimierung der Arbeitsleistung primäre Ziele sein. Vielmehr müssen wir alle daran arbeiten, Schäden zu vermeiden und Schmerzen zu verhindern. Wenn wir als Tierärzte in unserer Berufspräambel dieses für unsere Patienten fordern, ist es doch nur billig, dass es auch für uns selber gilt. Schließlich sollen wir uns nicht schlechter stellen als unsere Patienten.

Es ist hinlänglich bekannt, dass die ersten degenerativen Veränderungen der Wirbelsäule weder von uns bemerkt noch von einer weitreichenden Diagnostik aufgespürt werden können. Bekannt ist ebenfalls, dass eine aufgetretene Veränderung nie wieder in einen gesunden Status zurückgeführt werden kann. Deshalb ist es oberstes Ziel, Schädigungen so weit als möglich zu vermeiden und degenerative Prozesse zu verlangsamen oder zum Stillstand zu bringen bevor die ersten Symptome auftreten.

Wenn wir über Prävention reden, ist mir wohl bewusst, wie schwierig es ist, einem jungen, gesunden, dynamischen und schmerzfreien Kollegen Ratschläge zu erteilen für Probleme, die für ihn derzeit nicht greifbar, nicht existent sind. Es ist auch keinesfalls meine Absicht, Ihm ein Gymnastikprogramm mit täglich zwei Stunden Übungsdauer zu empfehlen, wenn sich die Familie bereits über die weitgehende Abwesenheit beschwert und auch ein 18 Stunden Tag für alle anfallenden Arbeiten nicht mehr ausreicht.

Aber vielleicht haben Sie nach dem Lesen dieses Beitrages zehn Minuten Zeit, über ihren täglichen Arbeitsablauf nachzudenken. Es fallen einem gleich mehrere Gepflogenheiten ein, die durch kleine und meist kostenlose Änderungen zu einer erheblichen Entlastung der Wirbelsäule beitragen. Diese gilt es konsequent umzusetzen.

Besonders wichtig erscheint es mir allerdings, die ersten Anzeichen einer Wirbelsäulenüberlastung zu erkennen. Hierzu zählen leichte Schmerzen der Wirbelsäulenmuskulatur, ein diskretes Ziehen nach Belastungen sowie Bewegungseinschränkungen, die noch gut durch entsprechende Körperbewegungen zu kompensieren sind. Spätestens hier sollten schädigende Noxen eliminiert werden und durch ein dynamisches Sitztraining, durch einen leichten Ausgleichssport und durch regelmäßige Wirbelsäulegymnastik dem zunehmenden Verschleiß entgegengearbeitet werden. Solch ein Training könnte abends bei der Lektüre des Deutschen Tierärzteblattes oder einer anderen Fachzeitschrift ohne Zeitverlust durchgeführt werden.

Ihre Wirbelsäule wird es Ihnen danken.

 

Weitere Informationen beim Verfasser

Pro Praxis e. V., 1. Vorsitzender Dr. Hans-Friedrich Willimzik, Arzt für Arbeitsmedizin, Umweltmedizin und Sportmedizin, praktischer Tierarzt, In den Siefen 5, 66346 Püttlingen, Tel. (0 68 06) 92 20 03, Fax (0 68 06) 92 20 05, E-Mail: h.fr.willimzik@propraxis.de

P.S.: Selbstverständlich gelten hier alle für den männlichen Tierarzt aufgeführten Belastungen sogar im stärkeren Maße für die weibliche Kollegin, weshalb ich um entsprechende Berücksichtigung und wohlwollende Kenntnisnahme bitte.

 

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